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2017 - 2018

Der Seele helfen

Resilienz

Der Begriff Resilienz stammt aus der Physik und bezeichnet die Eigenschaft eines Materials nach einer Verformung in die ursprüngliche Form zurückzukehren.

Analog dazu bezeichnet man in der Psychologie die Fähigkeit eines Menschen, mehr oder weniger unbeschadet mit belastenden Lebensumständen umgehen zu können, als Resilienz. Diese Fähigkeit ist offenbar weniger von der genetischen Veranlagung als viel mehr von Interaktionen zwischen Umwelt und Individuum abhängig. Das ist eine gute Nachricht, denn das heißt, dass Resilienz prinzipiell erlernbar ist. 

Als grundlegend für resilientes Verhalten werden folgende Fähigkeiten angesehen: auf sich selbst stolz sein zu können, stabile emotionale Beziehungen zu anderen Menschen unterhalten zu können und die Erfahrung früherer Bewältigung von Leistungsanforderungen. Sie sind Teil der eigenen Wirksamkeit.

Die Erfahrung dieser Selbstwirksamkeit - egal ob im sozialen oder im Leistungsbereich - scheint also wesentlich zu sein. Doch gerade diese ist bei Depressionen, aber auch bei chronischen Erkrankungen oft eingeschränkt. Eltern, Mitschüler, Kollegen, Partner usw. aber auch Ärzte und das Gesundheitssystem können die Erfahrung von Selbstwirksamkeit massiv einschränken. Doch sie kann auch in kleinen Schritten erprobt, ausgeweitet und wiedererlangt werden. 

Der Erwerb resilienter Verhaltensmuster basiert auf sieben Säulen: 

OptimismusAkzeptanzVerantwortungsbereitschaft, LösungsorientierungHandlungsfähigkeitNetzwerkpflege, Zukunftsplanung.

Als achte Säule könnte man die Fähigkeit nennen, sich gekonnt zu erholen. Dafür will Rest&Resilience Impulse geben.

 

Optimismus

 

 

Haha! Wird sich manch einer denken. Wenn man schon in der Situation ist, über den Begriff Resilienz zu stolpern, bietet vielleicht das große Ganze gerade nicht viel Grund für Optimismus. Trotzdem ist Optimismus und auch Resilienz alles andere als ausgeschlossen. 

Man kann den Blickwinkel verschieben. Wenn das große Ganze zickt, besteht vielleicht die Möglichkeit, sich selbst heute etwas Gutes zu tun, was auch immer das sei. Dann ist dieser Tag schon ein bisschen besser. Das ist ein guter Grund für Optimismus. Ist es übrigens immer, selbst wenn man schon ein fortgeschrittener Optimist ist. 

Natürlich kann man auch größer anfangen: wenn es im Job nicht gut läuft, kann man beschließen, dass man es sich zunächst im Privatleben so schön wie möglich macht. Jeden Tag ein bisschen. Das schafft Kraft - auch für den Job. Man kann beschließen, den richtigen Arzt zu finden, egal wie lange es dauern wird. Auf dem Weg dahin kann man viel über Hartnäckigkeit und die Erholung seiner seelischen Kräfte lernen. Egal wie groß oder klein der Lebensbereich ist, den man in ein optimistisches Licht rücken will, eines muss sein: Man muss etwas anders machen als bisher. Die gute Nachricht ist, dass das auf die ein oder andere Weise immer geht. Für jeden. Wirklich. Und eine weitere gute Nachricht: Aus den kleinen Optimismusfeldern werden mit der Zeit größere. So ist das mit dem Optimismus.

 

Akzeptanz

 

Genau wie beim Optimismus ist es bei der Akzeptanz entscheidend, wie groß der Bereich sein soll, den man akzeptiert. Zu akzeptieren, dass alles schlecht ist und für den Rest des Lebens so bleiben wird, ist eine düstere Sicht der Dinge, die einem die Hände bindet und unendlich Kraft raubt. Wer an das Schicksal glaubt, kann sich vielleicht vorsichtig an den Gedanken herantasten, dass der Glaube an sich selbst und an seine Handlungsfähigkeit eine Alternative darstellen könnte.

Was man aber akzeptieren kann, sind negative Gefühle, denn die aller meisten gehen vorbei. Und zwar umso schneller, je weniger man sie zu verleugnen versucht. Es ist das, was widerstandsfähige Menschen tun. Auch sie erleben Rückschläge und Trauriges etc., und für sie fühlt es sich nicht besser an als für jeden anderen auch. Sich zu verbieten, quälende Gefühle zu haben, und sich klein zu fühlen, wenn das nicht gelingt, macht es schlimmer. Man darf traurig, einsam, mutlos, gedemütigt sein. Danach aber wird es besser und man kann die Ärmel wieder hochkrempeln.

Auch gibt es Dinge, die man zunächst akzeptieren muss, wenn sich in einem Bereich keine Handlungsmöglichkeiten ergeben. Es mag z.B. sein, dass man sich in seinem Job alles andere als wohl fühlt, aber eine Kündigung kommt in nächster Zeit einfach nicht in Frage. Man kann im Hinterkopf behalten, dass es sich um etwas Vorübergehendes handeln könnte. Für manche Dinge ist die Zeit irgendwann reif.

  

Verantwortungsbereitschaft

Die Frage der Verantwortung ist eine heikle Frage. Für alles, was einem das Leben schwer machen kann, gibt es Gründe und Ursachen. Es kann sein, dass man selbst einen Anteil an nachteiligen Entwicklungen im Leben hat. Genauso gut kann es sein, dass man absolut unverschuldet in schwere Lebenssituationen gerät. Egal ob nun eher das eine oder das andere der Fall ist, mit den Konsequenzen muss man leben und das kann einen sehr wütend und/oder mutlos machen. Es ist wichtig, zwischen Schuld und Verantwortung zu unterscheiden. Es mag sein, dass man für eine belastende Kindheit, eine Krankheit o.ä. die Schuld nicht trägt. Die Situation positiv zu verändern, gelingt jedoch am besten, wenn man sich mit dem Gedanken anfreundet, dass man nichtsdestotrotz die Verantwortung hat. Das mag ungerecht sein, aber ehrlich gesagt, das Leben fragt nicht danach, ob etwas gerecht oder ungerecht ist. 

Jeder kennt sicher Menschen, die gerne Verantwortung übernehmen. Dies sind Menschen, die an sich glauben, Entscheidungen treffen, Veränderungen anstoßen und stolz auf das sind, was sie leisten. Man kann zu ihnen gehören, und das kann ein gutes Gefühl sein. Man darf trotzdem wütend und entmutigt sein - ab und zu. Doch danach kann man sich wieder dem wichtigsten Projekt widmen: sich selbst.

  

Lösungsorientierung

Das schlechte Gefühl, wenn etwas nicht gut läuft, ist sehr quälend. Nicht nur, dass es die Gedanken um den Auslöser kreisen lässt, es verschwindet auch nicht einfach, nur weil man versucht, sich mit etwas anderem zu beschäftigen. Kommt man zur Ruhe, meldet es sich unbarmherzig wieder und gönnt einem keine Pause. Obwohl das Gefühl nicht einfach verschwindet, lohnt es sich aber, sich damit auseinanderzusetzen, wie man eine belastende  Situation auflösen, erträglicher machen oder ihr fürs nächste Mal vorbeugen kann. Dafür brauche ich Informationen darüber, wie eine Situation entstanden ist und welche Möglichkeiten der Reaktion oder Hilfe es gibt. Lösungsorientierung bezeichnet also eine aktive, wache, kritische Geisteshaltung gegenüber einem Problem im Gegensatz zum Begriff der Problemorientierung, die mehr auf die Betonung eines schlechten Gefühls wie Schuld, Scham oder Fatalismus ausgerichtet ist. Außerdem enthält Lösungsorientierung einen Aspekt der Selbstüberwindung. Man muss sich selbst auf Deutsch gesagt einen Tritt in den Allerwertesten geben und etwas bewegen wollen, obwohl es einem gerade nicht gut geht. 

Handlungsfähigkeit

Für das Ausloten seiner Handlungsfähigkeit lohnt ein Blick auf sich selbst. In der Vergangenheit hat man Dinge geschafft oder ausgehalten oder überlebt. Man sollte das nicht unterschätzen. Andere Menschen hatten diese Herausforderungen vielleicht nicht und können sich somit auch kein Urteil bilden. Wahrscheinlich gibt es auch Dinge, die man nicht geschafft hat. Mit Sicherheit gab es dafür gute Gründe. Es ist nie zu spät, etwas Neues dazu zu lernen. Dass man etwas nicht kann, ist oft eher eine innere Überzeugung als eine Tatsache. Auch schwierige Fähigkeiten sind erlernbar - und bekanntlich ist nichts schwer, wenn man es erst kann.

Doch neben der Frage, was ich kann oder was ich dazu lernen kann, ist manchmal die Frage, was ich darf, viel bedeutsamer. Wenn man sich die Mühe macht, ein kleines Brainstorming durchzuführen, wird man vielleicht auf Handlungsmöglichkeiten stoßen, die man für ausgeschlossen hält. Vielleicht fallen einem Menschen ein, die mit nichts einen Vertrag haben und Dinge einfach tun. Man selbst aber würde nie so handeln. Weil man nicht so ist? Weil man bestimmte Sachen nicht kann? Weil niemand einem das zutraut? Weil es auf Widerstand stoßen würde? Es gibt viele Gründe, aus denen man sich selbst Handlungsmöglichkeiten versagt. Man darf das. Handlungen dürfen natürlich mit einem selbst übereinstimmen. Aber manchmal kann man sich vielleicht etwas Ungewohntes erlauben. Falls Dritte damit ein Problem haben, legen sie vielleicht Maßstäbe an, über die sich streiten ließe.

Netzwerkpflege

 

 

Gelobt sei Facebook! Zumindest in dieser Hinsicht. Netzwerkpflege ist in meinen Augen die kniffligste der resilienten Fähigkeiten. Wer schon einmal mit einer Depression oder mit einer chronischen Krankheit versucht hat, tragfähige Beziehungen zu unterhalten, weiß vielleicht, was ich meine. Menschen sind kompliziert. Wenn man regelmäßig Unternehmungen absagen muss oder empfindsam reagiert oder Misstrauen hegt, reagiert die Umwelt gerne mit gleicher Münze, obwohl sie vielleicht weniger Grund dazu hat. Das ist normal und - aus der Sicht der anderen - schlicht und ergreifend gesund. Und vergessen sollte man nicht, dass man selbst auch ein Mensch ist und - wie gesagt - kompliziert. Geduld mit den anderen und mit sich selbst zu haben ist da angesagt und schwer umzusetzen. Die Kontakte, die letztlich Bestand haben, sind alle Mühe wert. 

Die sozialen Netzwerke eröffnen einem neue Möglichkeiten. Es gibt praktisch zu jeder Lebenssituation mindestens eine Gruppe und wenn nicht, gründet man selbst eine. Gleichgesinnte finden war noch nie so leicht wie heute. Die Kommunikation auf Facebook und co ist alles andere als einfach, aber es wird immer den ein oder anderen geben, der den entscheidenden Tipp geben kann. In Selbsthilfegruppen, auch in denen aus den sozialen Netzwerken, entstehen oft neue reale Kontakte.

Zukunftsplanung

  

In einer Reportage über einen abgelegenen Winkel irgendwo im Himalaya („Das Dorf der Frauen“ von Marianne Chaud) wird ein buddhistisches Sprichwort zitiert, das es erschreckend schön ausgedrückt: "Wir werden geboren, um zu sterben. Wir lernen Menschen kennen, um Abschied von ihnen zu nehmen. Wir besitzen Dinge, um sie zu verlieren. Alles ist vergänglich. Wer das zu akzeptiert lernt, kommt mit der Unbill des Lebens besser zurecht." 

Vielleicht ist das ein bisschen poetisch, aber es trifft zu. Man sollte einfach damit rechnen, dass das Leben einem Sachen serviert, die man nicht bestellt hat. Es ist ein guter Grund, die schönen Dinge, die die Gegenwart zu bieten hat, angemessen zu genießen, bevor sie weg sind. Planen kann man trotzdem. Wo soll es hingehen? Was möchte ich erlebt haben, bevor meine Gesundheit schwindet? Wem möchte ich besonders meine Wertschätzung zeigen, bevor das Leben eine Trennung vorsieht? 

Was für die Problemorientierung im kleineren Rahmen gilt, gilt auch für die Zukunftsplanung im Großen: ein realistischer Blick auf Fähigkeiten, Ressourcen und Grenzen sowie eine Portion Willenskraft bringen einen weit. Vielleicht weiter als man gedacht hätte.

Foto von Anuschka Wenzlawski