Zen im Taschenbuchformat

Aktualisiert: Apr 9


Japan, Ende des 16. Jahrhunderts. Ein Schüler des großen Teemeisters Sen no Rikyu grübelt die letzten dreißig Jahre seines Lebens darüber nach, warum sein verehrter Lehrer den Befehl bekam, sich selbst zu entleiben. Er unterhält sich mit Menschen, die seinen Meister kannten, er liest, er kopiert eine Schrift über den „Weg des Tees“, er quält sich mit Erinnerungen. 

Vorsicht, Spoileralarm: Er wird das Rätsel nicht lösen. Hundertsechzig Seiten, dreißig Jahre, Null Handlung. Laaaaangweilig!

Wirklich?

Ich habe mich verwundert gefragt, warum ich das kleine Büchlein von Yasushi Inoue alles andere als langweilig fand. Schließlich bin ich eine ungeduldige Leserin. Warum langweilen mich die inneren Monologe, die Beschreibung von Teehäusern und deren Inneneinrichtung, die komplette Aufzählung der Teegerätschaften nicht? Warum geht mir die (zwangsläufige) Unterwürfigkeit des Protagonisten, die ihm jede klare Schlussfolgerung vernebelt, nicht auf den Geist?

Vielleicht, weil Inoue wundervoll erzählt. Beim Lesen entsteht vor Augen die Klarheit japanischer Raumwirkung, Linien von Holz und Papier, die Anmut handgefertigter Keramik, die Kringel dampfenden Tees, der Geruch von Tinte, die Stille von Schneeflocken. Und eine überlegene Gelassenheit im Angesicht des gewaltsamen Todes. 

Der Protagonist bleibt so zurückhaltend, dass man sich kaum ein Bild von ihm machen kann. Und doch ist da eine Idee davon, wie er wäre, gehörte er nicht einer unterprivilegierten Gesellschaftsschicht an. In ihm schlummern Kunstverstand und Geschmack, Menschenkenntnis und Spiritualität. Sie schimmern durch, wann immer er nach seinen Gedanken gefragt wird. Das Gefühl, dass das eigentliche Ich nicht ausgelöscht werden kann, schwingt bis zur letzten Seite beruhigend mit. 

Selbst wenn man, wie ich, keinen Schimmer davon hat, welche Bedeutung die japanische Teezeremonie im 16. Jahrhundert hatte, übt sie in Inoues Roman eine unwiderstehliche Anziehungskraft aus. Sie scheint der Inbegriff von Konzentration, Genügsamkeit und tiefer Einsicht zu sein. Tee-Utensilien wurden damals schon als Kunstobjekte gesammelt und verehrt. Sie erhielten Namen, die ihre Besonderheiten widerspiegelten oder ihren Besitzer charakterisierten. Herkunft und Herstellung wurden mystisch verklärt. Dass das Unbedeutende einen Namen erhält und unvollkommene Objekte zu besonderen Kunststücken erhoben werden, ist anrührend. 

Die Teezeremonie selbst war Anlass zur Ehrerbietung und Kontemplation. Man lud Gäste ein und schenkte ihnen Gelegenheit zur inneren Einkehr, indem man sie aufs Zurückhaltendste und Höflichste bediente. In einer Wandnische wurde eine Kalligraphie ausgestellt, die zur Meditation oder anregenden Gesprächen inspirierte. Die Schlichtheit des Teeraumes und des Geschirrs sollte keine Aufmerksamkeit ziehen, die die Versenkung hätte stören können. 

Für Samurai war es Sitte, einer Teezeremonie beizuwohnen, bevor man in den Kampf zog. Jeder Zeit hätte diese die letzte Gelegenheit sein können, sich noch einmal mit aller Bewusstheit selbst wahrzunehmen. Das Ritual erlangt dadurch eine existenzielle Bedeutung und stellt die Frage nach den eigenen Werten, nach dem Wert des Lebens an sich. Dass die Tee-Utensilien ihre Nutzer überleben, macht schwermütig und zuversichtlich zugleich. 

Sich der Strenge und der Anmut, aber auch der Entrückung hinzugeben, die Inoue mit aller Schlichtheit erzeugt, entführt aus der Gedankenfülle des Alltags. „Der Tod des Teemeisters“ konzentriert auf das Jetzt und dehnt es aus, so lange man liest. Sein Roman ist Zen - wie eine Teezeremonie.

"Der Weg des Tees ist nichts als dies:

Zuerst kochst Du Wasser, dann machst Du den Tee und trinkst ihn.“ Sen no Rikyu




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