Wer bin ich?


„Sei einfach du selbst.“

Das ist einer der Sätze, die man von wohlmeinenden Normalos schon mal gesagt bekommt. Seid nett zu diesen Menschen. Sie wissen es nicht besser.

Kommt man als junge(r) Erwachsene(r) aus einer dysfunktionalen Familie, kann man ne ganze Menge, nur nicht man selbst sein. Denn das war genau das, was man nicht sein durfte. Jahrelang. In genau der Zeit, in der man sich eigentlich zu jemandem entwickeln sollte, der den Erfordernissen des Erwachsenseins gewachsen ist. Blöd nur, dass die Erfordernisse von Berufsleben und Beziehungen deutlich andere sind, als die in einer dysfunktionalen Familie.

Zu sein, wer man ist, ist ein riesen Problem, auf das man stößt, sobald man angefangen hat, andere persönliche Probleme zu lösen. Probleme lösen ist nur die eine Hälfte. Verschwinden diese, tut sich an deren Stelle eine gähnende Leere auf, die man füllen muss. Die andere Hälfte ist die Frage: Wer bin ich?

Für Normalos ist die Frage gar kein Problem. Auf die Frage: Bist du es wert, Achtung und Liebe zu bekommen, gut bezahlt zu werden, eigene Bedürfnisse anzumelden o.ä., antworten Normalos eher nicht: 'Ja, klar!', wie man annehmen könnte.

Sie antworten eher: 'Was soll die blöde Frage?'

Man selbst zu sein ist für Normalos kein Anspruch, den man begründen müsste. Es ist eine so sichere Gewissheit, dass sie es vielleicht nie infrage stellen mussten. Also zumindest denke ich mir das so. Aber ich kenne das Gefühl nicht gerade aus erster Hand.

Normalos hatten Jahre lang Zeit, herauszubekommen, was sie mögen, wobei sie Freude und Motivation empfinden, welche Menschen zu ihnen passen, unter welchen Bedingungen sie sich wohlfühlen, was sie können, wo ihre Grenzen sind. Klar, dass man nach all der Übung 'einfach man selbst sein' kann. Wenn es sein muss, sogar gegen den Rest der Welt. Sie hatten beim Findungsprozess die Rückendeckung von Eltern und Freunden. Normalos durften spielen, testen, sich irren, andere vor den Kopf stoßen, sich entschuldigen, versagen, sich freuen, stolz sein. In einer Umgebung, die sie wohlwollend aufgefangen hat.

In einer dysfunktionalen Familie sind die Umstände, für die man Strategien finden muss, ein klein wenig anders. Jenseits der grundlegenden Bedürfnisse nach Nahrung, Schlaf, Schutz etc. ist der Alltag geprägt von einer immerwährenden Verhandlung um Erträglichkeit. Und wie das so ist: Bei Verhandlungen bietet man etwas an. Was kann man als Kind anbieten?

Teile seiner selbst. Man kann auf Bedürfnisse verzichten, wenn die Bezugspersonen selbst zu bedürftig sind. Man kann auf das „freie Spiel“ verzichten, wenn die Versagensängste allgegenwärtig sind. Man kann die Verantwortung übernehmen, wenn die Erziehungsberechtigten überfordert sind. Man könnte die Reihe noch um einiges fortsetzen. Was auf jeden Fall auf der Strecke bleibt, ist das Gefühl, bedingungslos man selbst sein zu dürfen.

Soll man als Erwachsener dann 'man selbst' sein, bedeutet das also nicht 'zeig, wer du bist'. Es heißt: Verhalte dich so, dass es einer Notsituation angemessen ist. Fürchte gedemütigt, überfordert, verletzt, verurteilt, vernachlässigt, im Stich gelassen zu werden. Beuge vor, wehre dich, misstraue, sei verletzt.

Es gibt wohl kaum etwas Effektiveres, um Normalos in die Flucht zu schlagen, als sie so zu behandeln als wären sie Teil einer Notsituation. Ist man bei Normalos man selbst, konfrontiert man sie mit dem Horror seiner Kindheit. Das wollen sie nicht. Verständlicherweise. Schließlich ist das bedrohlich.

Das macht echte Probleme. Beruflich und privat.

Das Blöde ist, dass das Leben weder die Zeit noch kompetentes Personal zur Verfügung stellt, um eine glückliche Kindheit nachzuholen.

Ich muss selbst dafür sorgen. Nebenbei.

Egal ob mit oder ohne psychotherapeutische Begleitung: Ich finde, man muss versuchen, zwei Dinge aus dem Nichts zu erschaffen: Das eine ist, sich selbst gegenüber so wohlwollend zu sein, wie die eigenen Eltern es hätten sein sollen. Eigentlich noch ein bisschen mehr. Denn man muss Fehler machen können, auch wenn man auf dem Papier schon erwachsen ist, auch, wenn die Gesellschaft die Maßstäbe für Erwachsene anlegt. Ohne Wohlwollen und Geduld geht es nicht.

Das andere ist, im Schutz des eigenen Wohlwollens Fühlen zu lernen.

Fühlen zu lernen ist knifflig, denn es gab wenig Gelegenheit, positive Gefühle kennen zu lernen und zu üben, wenn sie nicht gar verboten waren. Man weiß kaum, wonach man suchen soll.

Es gibt ein paar Dinge, die mich ein Leben lang schon glücklich machen. Der Anblick von Hügeln zum Beispiel. Und Lasagne, um es mal ganz konkret zu machen. Beides hat nichts mit Leistung oder mit anderen Menschen zu tun, deshalb funktioniert es bei mir unabhängig von allen Umständen. Selbst in Phasen, in denen ich keine Freude fühlen kann, tut es mir gut. Ich nehme an, dass es sich um das Ansprechen des Belohnungszentrums handelt.

Ich finde den Gedanken, über Belohnung zu arbeiten, sehr anziehend. Belohnungen kann man aus allen Bereichen ziehen, sei es aus Entspannung oder Sport, Essen oder Schlafen, einem Hobby oder einem schönen Schnack, aus Musik oder einem guten Buch. Stolz ist auch so eine schöne Belohnung. Den kann man auch für kleine Dinge entwickeln.

Ich bin mir ziemlich sicher, dass man Belohnung fühlt, auch dann, wenn man fast nichts fühlt oder tiefe Trauer oder ständigen Stress. Es kann sein, dass ich mich irre. Aber wenn sich etwas Gutes regt, kann man so genau hinfühlen, wie es nur eben geht. Und das gilt es ja nachzuholen. Fühlen ist das, was Kinder tun.

Mir gelingt es besser, Belohnungsgefühle aufzuspüren, wenn ich mich frage, was ich gerade fühlen würde, wenn ich ein Kind wäre. Ich glaube, das innere Kind hat eine Ahnung davon, wer man eigentlich sein sollte.

Für mich fühlt sich die Antwort: ‚Ich bin das, worüber ich mich freue.‘ gut an. Wobei man das anspruchsvolle ‚sich freuen‘ auch durch ein ‚sich etwas besser fühlen‘ ersetzen kann.

Mein Kind denkt übrigens nie an Einkommen, gesellschaftliche Akzeptanz, Berufschancen oder ähnlichen Leistungsgesellschaftskram. Ich glaub, mein Kind ist schlau.







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