Pawlow räumt dein Zimmer auch nicht auf



"Du räumst jetzt dein Zimmer auf!"

Oder wie man erfolgreich das Verhältnis zum Notwendigen versaut.



Ich erzähle heute was von Pawlow. Ich erzähle was von Martin Rütter (aber erst nächstes Mal). Ach, wem mache ich etwas vor? Ich erzähle was von Hunden. Ich entschuldige mich jetzt schon mal für die vermeintliche Zusammenhanglosigkeit in diesem Artikel. Und für den unangemessenen Vergleich. Und bei allen Hunden. Habe ich schon gesagt, dass ich mich entschuldige? Sorry. Wirklich.

So. Los geht's:


Zum Einstieg fasse ich also kurz Pawlows berühmtes Experiment mit dem Glöckchen und dem Hund zusammen. Kennt vermutlich jeder. Zunächst ist da nur das Futter und der Speichelfluss. Kein Glöckchen weit und breit.

Futter - Sabber - absolut sinnvoll.

Pawlow konnte zeigen, dass ein Hund einen zweiten Reiz, z.B. den Klang einer Glocke, mit dem ersten verknüpft, wenn dieser nur regelmäßig genug mit dem ersten zusammen auftritt. Und zwar so zuverlässig, dass letztlich das Futter weggelassen werden kann, um das es ursprünglich ging. Der arme Hund sabbert, wenn ein Glöckchen erklingt, obwohl das Futter ausbleibt.

Glöckchen - Sabber - absoluter Nonsense.

Man nennt das Konditionierung. Sie funktioniert auch mit Reizen, die weniger verlockend sind als Futter. Mit Bestrafungen zum Beispiel. Da geht es natürlich eher um Vermeidung als um Speichelfluss.

Ich wünschte, es wäre nicht so, aber genau so lernen Menschen auch. Unter anderem. Dass wir schlauer sind als Hunde - zumindest lässt einiges darauf schließen - macht es nicht besser. Ohne zwingende Gründe machen wir eben nicht den Schritt zu denken: Der Versuchsleiter - respektive die/der Erziehende - hat einen Sockenschuss. Du gehst mir am Arsch vorbei. Und selbst wenn wir es tun, ist es eigentlich schon zu spät.


Nun kommen wir zum Aufräumen des imaginären Kinderzimmers, um das es hier ja eigentlich gehen soll. Aufräumen ist doof. Es muss immer dann sein, wenn man gerade etwas anderes, total Spannendes macht. Und seien wir ehrlich: Gegen Aufräumen ist alles spannend. Es ist also geradezu unausweichlich, dass die Notwendigkeit des Aufräumens auf Unwillen trifft. Aufräumen ist jedoch etwas, das man früher oder später tun muss, in welchem Maße auch immer. Und zwar oft. Sein Leben lang.

Theoretisch wäre zwischen dem Notwendigen und dem eigenen Unwillen die Gelegenheit, die Vorteile der „Pflichterfüllung“ zu erkennen und eine innere Motivation zu finden. Statt dessen aber kommt ein erziehender Mensch und fängt an zu drängen, zu schimpfen, zu drohen: das Glöckchen im Selbstfindungsprozess. Das Resultat: man fühlt sich miserabel (und zwar auch, wenn man in Opposition geht). Und schon ist die Verknüpfung nicht mehr Notwendigkeit - Handlung, sondern Notwendigkeit - schlimme Gefühle. Danke für diesen Bärendienst!


Künftig wird man eher versuchen zu vermeiden, dass man sich wieder schlecht fühlt. Was läge näher, als gar nicht mehr aufzuräumen? Das erhält wenigstens den eigenen Standpunkt und die Selbstbestimmung. Oder zu sehr? Stress ist das trotzdem. Was nicht mehr geht, ist aufräumen ohne nennenswerte Gefühle oder gar mit Vorfreude auf eine erledigte, sinnvolle Aufgabe. Denn um das Aufräumen geht es jetzt nicht mehr. Es geht um den Selbsterhalt.


Welche Bedeutung hat es ein paar Jahre später, wenn man sich (unbewusst?) furchtbar fühlt, sobald man sich mit einer Notwendigkeit des Erwachsenenlebens konfrontiert sieht? In einer Leistungsgesellschaft? Mit Steuererklärungen?

Hier kannst Du ein paar Sekunden innehalten und Dich fragen:

Wie schlecht auf einer Skala von 1 bis 10 fühle ich mich bei einer bestimmten Notwendigkeit? Ganz ehrlich!

Nur so zum Spaß.

Und weiter geht’s.

Der Kampf mit dem Aufräumen ist nur ein harmloses Beispiel. Es gibt ganz andere Paarungen mit schlimmen Gefühlen. Nähe, Freude, schulische Leistungen, Selbstschutz, zum Beispiel.

Man findet Strategien, um mit den Eltern klarzukommen. Wenn Strategien funktionieren, denkt man am Ende, dass sie die einzig richtigen sind. Und eines Tages hat man dann selbst Kinder...


Vermutlich habt Ihr schon gemerkt, dass ich heute etwas flapsig schreibe. Ich möchte hier nicht liebevollen Eltern auf die Füße treten. Das Aufräumproblem ist eine Metapher. Wenn Ihr Euch gemeint fühlen wollt, tut es als Kinder Eurer Eltern.


Auch der folgende Abschnitt ist für die Umstände, die sich hinter der Metapher verbergen können, nicht komplex genug. Dennoch kann man es etwa so sehen:

Was kann ich tun, um den gesundheitsgefährdenden Stress gegenüber Notwendigem zu mildern? Das nervige Bimmeln des deplatzierten Glöckchens wieder abstellen, so weit es geht.

Die Gedanken dafür könnten so aussehen:


  1. Ich fühle mich schlecht. Vielleicht eine 6 auf der Skala. Der Blutdruck steigt, ich kann nicht mehr so klar denken, irgendwie so etwas. Aber das ist in Ordnung. Ich bin immer noch ich.

  2. Ich schaue genau hin. Was gibt die Situation außer dem Stress her? Was bringt mir die Pflichterfüllung? Besonders, wenn ich es für mich tue?

  3. Und übrigens: eigentlich klingelt das Glöckchen gar nicht mehr. Sollten gerade Erziehungsberechtigte neben mir stehen und mich zur Schnecke machen, habe ich sie mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit nur in meinem Kopf. Oder ich sollte dringend ausziehen.


So. Nach dieser durchaus erfüllenden Prokrastination meinerseits mache ich mich jetzt ans Schreiben meiner Rechnungen und fange die Steuererklärung an. Wer’s glaubt.

Und denkt dran: Nach Einstein ist es Wahnsinn, immer das gleiche zu tun und andere Ergebnisse zu erwarten.

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