Ein Plädoyer für mehr Selbstverantwortung - Die subtile Kunst des Darauf Scheissens



'Genau so ist es', dachte ich beim Lesen des Buches mit einem Lächeln auf den Lippen. Es ist hart, es packt einen am Schlafittchen. Dennoch ist es freundlich, unterhaltsam und ganz nebenbei sprachlich toll.

Mark Manson, der sich selbst als Autor, Denker und Lebensenthusiast beschreibt, betreibt einen riesigen Blog (markmanson.net(engl.)) und lebt davon.

Sein Buch „Die subtile Kunst des darauf Scheissens“ dreht sich um ein paar hilfreiche, aber oft gemiedene, weil ziemlich schmerzhafte Erkenntnisse. Sie sind so essenziell, dass ich wünschte, sie würden bereits in der Schule gelehrt (dann aber mit der entsprechenden Sorgfalt für eine stabile Psyche). 

Erkenntnis Nummer eins: im Leben kann eine Menge Scheiße passieren - also auch richtig schlimme Sachen - und damit muss man leben. 

Erkenntnis Nummer zwei: wenn alle anderen verrückt scheinen, bist du es wahrscheinlich, der ein Problem hat. 

Erkenntnis Nummer drei: du bist für alles in deinem Leben verantwortlich.

Es gibt noch mehr unbequeme Erkenntnisse wie: dem Glück nachzujagen macht unglücklich, Anspruchsdenken führt zu nichts, immer das Opfer sein ist Bequemlichkeit und ähnliche Erkenntnisse mehr..

Mit diesen Erkenntnissen stösst Manson seine Leser erst einmal kräftig vor den Kopf. Doch es lohnt sich, das Befremden hinzunehmen und weiter zu lesen, denn die Geschichten und Argumentationen, die der Autor zur Erläuterung heranzieht, sind nicht nur durchdacht. Sie haben viel Herz.

Außerdem gibt es auch ein paar nette Erkenntnisse: wenn’s dir schlecht geht, ist das auch mal ok. Du musst dich dann nicht auch noch deshalb schlecht fühlen, weil dein Leben gerade nicht den Maßstäben genügt. Und wo wir gerade dabei sind: du selbst wählst den Maßstab, der für dich gelten soll. Du hast es in der Hand - auch wenn du dafür vielleicht vorübergehend einen Psychiater brauchst. Eine Erkenntnis möchte ich hervorheben, weil sie etwas zu kurz kommt: an manchen Sachen bist du einfach nicht schuld.

Schließlich traut sich der Autor an eine schwierige Sache: den Tod. Es gibt schreckliche Erfahrungen mit dem Tod und auch, wenn der Autor selbst mit einer solchen konfrontiert wurde, so läuft er hier doch Gefahr, Menschen zu verletzen. Ich freue mich, dass er den Mut hat, dieses Kapitel trotzdem zu schreiben (gerade, weil er über seinen Blog die Reaktionen seiner Leser gleich ungefiltert abbekommt). Die schrecklichen Erfahrungen im Leben sind es oft, die die Maßstäbe zurecht rücken. Was ist wichtig? Ich meine, wenn du nur noch einen Tag zu leben hättest? Wenn du einen geliebten Menschen morgen verlieren würdest, wie würdest du ihn gerne behandelt haben?

Meine Begeisterung mal beiseite: Man kann „Die subtile Kunst des darauf Scheissens“ übel missverstehen. Das Buch ist geschrieben für Menschen, deren Selbstschutz intakt ist. Ein bisschen Vorsicht muss walten lassen, wer sich eh schon stark hinterfragt. Überschriften wie "Töte dein Selbst" lesen sich aus dieser Perspektive recht gruselig und man könnte fatale Schlüsse aus ihnen ziehen. Wenn ich mit einem nicht existenten Selbstwertgefühl denke, ich müsse meine Persönlichkeit noch mehr auflösen, ist das ein gefährliches Missverständnis.  

Man könnte vielleicht sagen: wenn ich mich nach der Lektüre des Buches dauerhaft und viel schlechter fühle als vorher, habe ich es noch nicht verstanden.

Ehrlich gesagt frage ich mich, ob das Buch so gerne gelesen wird, wie es gekauft wird. Der Titel scheint eine schnelle Befreiung von allem zu versprechen, was einem auf den Sack geht, indem es einem endlich mal Recht gibt und einem den Kniff verrät, wie man darauf scheißt. Aber weit gefehlt. Der Autor verlangt vom Leser, für die Scheiße im Leben die Verantwortung selbst zu übernehmen. Auch für die Dinge, an denen man nicht schuld ist. Ist das nicht eine Frechheit!? Nein, ist es nicht.

Für mich ist es die einzige Antwort auf die Widrigkeiten, die einem im Leben passieren können. Eine Menge Leute können daran schuld sein, die Eltern, der Ex, der Kollege, meinetwegen Gott. Aber die Verantwortung für die Folgen trägt man selbst. Die Alternative ist, lebenslang zu grollen und zu leiden. Dafür ist das Leben zu kurz.

Worauf soll man denn nun scheißen? Darauf, dass andere dir sagen könnten, was sich für dich im Innersten sinnvoll anfühlt. Scheiß auf Facebook, scheiß auf Lebensoptimierung, scheiß auf den Anspruch, dass das Leben immer eitel Sonnenschein sein muss. Entscheide dich bewusst, wofür sich dein Leiden und Leben lohnen soll und scheiß auf den Rest.


Foto zur Verfügung gestellt von wix.com



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